Artikel im "Vården i Fokus" (Fürsorge im Fokus)
WoW - welche Abhängigkeit ! Mein erster Kontakt mit Fernseh-/Computerspielsucht war vor mehreren Jahren. Ich sollte einen Klienten, der auf Entzug wg. u.a. Rauschgiftmissbrauch war, auf eine Insel in Stockholms Schären fahren. Dort sollte die Arbeit, verbunden mit Fischen, Gesprächen usw. während einiger schöner Frühlingstage erfolgen. Wir hatten bereits erfolgreich mit dieser Methode der "Gesundung" in mehreren Fällen gearbeitet.
Die Insel hatte nur begrenzte Stromversorgung mit Hilfe von Wind und Sonne. Deshalb wiesen wir üblicherweise darauf hin, das "Stromschlucker" wie Fernseher gerne auf dem Festland bleiben durften. Trotzdem bestand der Klient darauf in seinem persönlichen Gepäck einen riesigen Fernseher zusammen mit einer Tasche voll mit Videospielen mitzunehmen. Wir lachten darüber, aber ließen den Jungen selbst die Sachen vom Auto runter zum Boot schleppen. Draußen auf der Insel folgte die übliche Führung, Bezug der Hütte usw. Alles wirkte vielversprechend und selbst die Frühlingssonne zeigte sich von der besten Seite. Als ich später auf den Weg zum Festland machte, erkundigte ich mich wie üblich ob alles in Ordnung sei. Das meiste schien okay bis auf ein aber; - der Fernseher hatte keinen 12 V Anschluss und war damit unbrauchbar. Das war technisch kein Problem, würde aber ein paar Tage dauern. Jetzt trat etwas ein, was ich als "Entzug" bewertete, eine große Diskussion, ein Hin und Her, wegen Ermangelung eines funktionierenden Fernsehers ein Grund zu haben, den ganzen Plan aufzugeben. Zum Schluss blieb es dann alles wie es war, aber ich machte mir bereits da meine Gedanken, worum es hier eigentlich ging. Mein Bauch sagte mir, dass hier ein neues spannendes Phänomen an der Sucht-Front aufgetaucht war.
Viel später bekam ich durch die Medien mit, wie Computerspielsucht in manchen Familien enorme Problem verursachte: Schulschwänzen, Streitereien und sogar Schlägereien. Die Ursachen schienen Konflikte zwischen Kindern und Erwachsenen um das Computerspiel. Neugierig untersuchte ich Schweden daraufhin, was mich in Kontakt mit dem Elternnetzwerk Fair-Play, der Firma Spelinstitutet AB, Pflegefirmen sowie einzelnen engagierten Therapeuten wie Owe Sandberg. Sogar mit der eigenen Organisation der Spieler Goodgame wurde Verbindung aufgenommen.
Innerhalb der "Staatsmacht" gab es das Folkhälsoinstitutet(FHI, Gesundheitsministerium), interessierte Personen im Sozialausschuss und im Sozialministerium. Ergebnis meiner Kontakte war der Eindruck, dass ein enormes, teilweise verborgenes, wachsendes Problem vorlag, nämlich die Computerspielsucht oder wie es manche vorsichtiger formulierten, negative Konsequenzen bei übertriebenem Computerspiel.
Gleichzeitig schien die Forschung und Pionierarbeit recht begrenzt auf diesem Gebiet.
Das spornte mich verständlicherweise weiter an. Da ich Herausforderungen mag, unternahm ich folgendes:
eine Elterngruppe wurde ins Leben gerufen, ein eigens gestaltetes Bewertungsinstrument entwickelt, einzelne Behandlungskontakte wurden Eltern und den sozialen Diensten angeboten. Wir fanden, dass Teile der bestehenden Methoden angepasst und angewendet werden konnten. In kurzer Zeit erarbeiteten wir uns wertvolle Erfahrungen und Kenntnisse, die man wie folgt zusammenfassen kann: Elterngruppen sind eine starke Stütze durch "Selbsthilfe" zwischen Eltern mit mir als Coach. Alle teilten die gleichen Erlebnisse, ein Computerspiel, meist World of Warcraft (WoW), hatte das Leben der Jugendlichen vollständig "übernommen".
Mehrere übliche Anzeichen von Sucht traten auf: Abstinenz, Kontrollverlust, Toleranzsteigerung, Verleugnung, negative Folgen für den Schulbesuch, ernsthafte Konflikte mit Nahestehenden, Kriminalität uvm. Ich, der schon über 20 Jahre mit anderen Typen von Suchtfragen arbeitet, ahnte beides, Ähnlichkeiten und Unterschieden zu diesen. Es gibt die gleichen Phasen wie die Sucht langsam heranwächst, Mitsucht bei Angehörigen usw. Computerspielsucht hat jedoch eine eigene Dynamik und ist stark genug um "auf eigenen Beinen stehen" zu können. Wir begegneten Jugendlichen, die ganz und gar vom Computerspiel "aufgesogen" waren, das Spiel die Haupttätigkeit in ihrem Leben darstellte. Mangel an physischer Bewegung, Sonnenlicht, sozialen Kontakten IRL usw. zeigten ein erschreckendes Bild. Computerspielsucht scheint beides, durch andere Probleme verursacht, als auch seine eigenen Probleme schaffend. Wie kann etwas, das im Grunde lustig, lehrreich und "unschuldig" ist, zu solchen Konsequenzen führen ? Der "Kick" den man beim Actionspiel bekommt, die Gruppengemeinschaft im Onlinespiel usw. kann eine denkbare Erklärung sein. Dann gibt es auch die, die glauben entfliehen zu können/Linderung erfahren durch das Spiel, wenn das normale Leben einem zu schwer wird. Ungeachtet einer exakten Erklärung scheinen Personen in ein nahezu pathologischen Verhältnis zum Computerspiel zu gelangen, wo sogar persönliche Hygiene, Nahrung usw. erst an zweiter Stelle kommen.
Sozialarbeiter, Psychologen, Ärzte und andere gibt es in unserem fachübergreifenden Netzwerk. Das erachten wir als notwendig um die komplexen Situationen die uns begegnen bewältigen zu können.
Motivierende Gespräche, existentiell ausgerichtete Gespräche, Abenteuerpädagogik uvm. gibt es in unserer Methodenpalette. Wir betonen stark die Angehörigenarbeit, besonders bei den jüngeren Klienten. Hierbei handelt es sich meist um Stärkung der Elternrolle und Verbesserung der Kommunikation in der Familie. Vieles der Arbeit ist maßgeschneidert
auf die einzelne Situation, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Wir haben jetzt eine eigene Telefonhilfe eingerichtet, an die sich Spieler und Angehörige wenden können, um Rat und Unterstützung zu bekommen. Wir nehmen ebenfalls Behandlungsaufträge vom ganzen Land entgegen. Um wichtige Fragen wie z.B. "Gibt es Risikofaktoren für Computerspielsucht" beantworten zu können, initiieren wir auch ein Forschungsprojekt zu diesem Thema. Das mit einer Geschichte in den Schären begann, ist nun zu einer umfassende und spannenden Pionierarbeit geworden.
Sven Rollenhagen
Der Verfasser ist 1959 geboren, Sozialarbeiter (Sozionom) mit Erfahrungen vom kommunalen sozialen Dienst und privater Jugendfürsorge. Er war einer der Pioniere bei der Entwicklung der offenen Fürsorge innerhalb der Familie, ein heute etablierte Fürsorgeform zuhause als Alternative zur Heimfürsorge.
Seit 1991 ist er Geschäftsführer der Stiftung für Jugendfürsorge. Es ist ein Nonprofit-Unternehmen, das seine Dienste hauptsächlich Kommunen und Privatpersonen anbietet.
Siehe auch www.spelfritt.se